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Verlorene Kindheit: Das Geschäft mit den Hexenkindern

Geschrieben von Eva Kauke   
Donnerstag, 16. September 2010

Hexerei ist ein weit verbreitetes Phänomen in vielen Ländern Afrikas. Auch Kinder sind nicht davor gefeit, als vermeintliche Hexen beziehungsweise Hexenmeister entlarvt und verfolgt zu werden. Im letzten Jahrzehnt hat die Jagd auf die sogenannten Hexenkinder stark zugenommen. Nicht zuletzt, da sich daraus ein so lukratives wie grausames Geschäft entwickelt hat. Oft sind es evangelistische Priester, die behaupten, Kinder mit übernatürlichen Kräften erkennen zu können. Sie werden für Armut, Krankheit und Tod verantwortlich gemacht und erleiden häufig ein qualvolles Schicksal.

Religion und Kirche sind in Nigeria wie in vielen anderen Ländern Afrikas ein zentraler Aspekt im Leben der Bevölkerung. Besonders in den extrem armen Gebieten steigt die Zahl an kirchlichen Einrichtungen unaufhörlich an. Immer mehr skrupellose Priester machen mit dem Elend der Menschen perfide Geschäfte. Ein besonders brutales Phänomen ist die Jagd auf die sogenannten Hexenkinder. Das Schema dahinter ist denkbar einfach und wiederholt sich täglich in afrikanischen Familien unzählige Male.

Die Ernte ist schlecht und die Nahrungsmittel werden knapp; Familienmitglieder leiden an unerklärlichen Krankheiten; es kommt zu Todesfällen etc. Kurz, die Grundsituation einer Familie verschlechtert sich, offen bleibt die Frage nach den Gründen. Die verzweifelten Eltern fragen die Oberhäupter ihrer Kirchengemeinde um Rat und damit ist die Hexenjagd eröffnet. Schnell hat ein Priester den vermeintlichen Unruhestifter innerhalb der Familie identifiziert. Einzige Möglichkeit der Eltern, ihre Familie zu retten, ist eine Dämonenaustreibung, der sich das als Hexe „entlarvte“ Kind unterziehen muss. Kostenpunkt: 200 Euro.

Die Tortur, die damit auf die Kinder zukommt, wird in den meisten Fällen auf die Anweisungen des Priesters hin von Mitgliedern der eigenen Familie vollzogen. Die Rituale sind an Grausamkeit kaum zu überbieten. Die Hexenkinder werden zum Beispiel an den Händen aufgehängt und so brutal misshandelt, bis sie sich selbst der Hexerei bezichtigen. Sie werden mit Messern und Macheten bedroht oder einfach gefesselt und zum Sterben an einem verlassenen Ort liegengelassen. Die grausame Fantasie der Priester scheint keine Grenzen zu kennen.

Nur wenigen Kindern gelingt es, ihrem von den Priestern auferlegten Schicksal zu entkommen. Viele davon enden als Straßenkinder oder Kinderprostituierte. Hilfe von außen gibt es wenig. Ein Beispiel allerdings findet man in Eket, einer Kleinstadt im Süden Nigerias. Rund 220 als Hexen stigmatisierte Kinder haben dort in einem Heim vorübergehend Zuflucht gefunden. Das Heim des Child`s Right and Rehabilitation Networks (CRARN) hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau diesen Kindern einen Weg zurück in die Gesellschaft zu ermöglichen. Es ist ein schwerer Weg, auch weil es dem Heim an grundlegenden Mitteln fehlt, die Kinder zu versorgen.

Ein weiterer zentraler Punkt, um das Geschäft mit den Hexenkindern zu beenden, ist die Aufklärung der Bevölkerung. Viele der Kinder sind Epileptiker, ihre Anfälle untermauern scheinbar die Behauptungen der Priester. In dieser Hinsicht unwissende Eltern sind leicht zu manipulieren.

Hinzu kommt, dass die Verfolgung der Priester, die dieses perfide Geschäft mit den Kindern betreiben, schwierig ist, auch wenn der nigerianischen Regierung deren Machenschaften bekannt sind und es sogar ein Gesetz gibt, das die öffentliche Titulierung als Hexe verbietet. Die Priester sind oft reiche und mächtige Persönlichkeiten in den Gemeinden, die sich durch ihren Einfluss von jeder Verantwortung freikaufen und ihre Geschäfte weiterverfolgen können.

 




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