Anti-Strohdach-Kampagne in Ruanda: Wenn Fortschritt mehr Schein als Sein ist

ruanda1.gif Im Rahmen eines Regierungsprogrammes zur Abschaffung von Strohdächern haben tausende Menschen in Ruanda ihre Häuser verloren. Mit dem Versprechen, für angemessene Unterkünfte zu sorgen, wurden unzählige strohbedeckte Häuser zerstört. Die besagten angemessenen Unterkünfte sind allerdings für den Großteil der Betroffenen nicht vorhanden, was zur Folge hat, dass tausende Ruander – mehrheitlich Mitglieder der ethnischen Minderheit der Batwa – nun gänzlich ohne Dach über dem Kopf dastehen.

Ruandas Regierung ist bekannt für ihr ehrgeiziges Streben nach Fortschritt und Entwicklung. Der Präsident Paul Kagame hat zweifelsohne einen großen Beitrag für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes nach dem Genozid geleistet, wenn auch, wie ihm oft vorgeworfen wird, auf Kosten demokratischer Grundsätze. Ein neues Programm der Regierung, das die Abschaffung von Strohdächern auf sämtlichen Behausungen in Ruanda bis zum Ende dieses Monats zum Ziel hat, verleiht der Frage nach Schein oder Sein gesellschaftlicher Entwicklung traurige Aktualität.

Ärmlich aussehende Häuser, die mit Stroh bedeckt sind, soll es im Land der tausend Hügel in Zukunft nicht mehr geben. Jedes Haus soll mindestens ein Wellblechdach haben, so will es das Anti-Strohdach-Programm. Da die Menschen in den strohbedeckten Häusern ihr Obdach natürlich nicht selbst zerstören, übernimmt das die Regierung. Den Bewohnern wurden im Gegenzug angemessene Behausungen zugesagt, ein Versprechen, dass bisher für die wenigsten Ruander eingelöst worden ist.

Betroffen von der offenbar planlosen – oder sollte man eher sagen willkürlichen? – Kampagne der Regierung sind vor allem Mitglieder der ethnischen Gruppe der Batwa, ein Pygmäenvolk, das etwa 1 % der Bevölkerung ausmacht. Diese indigene Bevölkerungsgruppe ist bis heute an den Rand der Gesellschaft gedrängt und immer wieder Diskriminierung und Rassismus durch seine Landsleute ausgesetzt, so eine Sprecherin der Batwa-Organisation COPORWA. Als die Nationalparks in Ruanda eingerichtet wurden, verloren unzählige Mitglieder dieser Ethnie ihre Heimat in den Wäldern des Landes. Nun werden die Batwa erneut aus ihren Häusern vertrieben.

Und die angemessenen Unterkünfte, die die Regierung den Bewohnern der zerstörten Häuser versprochen hat, lassen weiter auf sich warten. Einige leben nun auf engstem Raum in schäbigen Sammelunterkünften, viele tausend sind gänzlich obdachlos. Sogar die Vereinten Nationen haben die Regierung Ruandas vergangenen Monat dazu aufgerufen, mit der Zerstörung der Häuser der Batwa aufzuhören, so lange keine alternativen Wohnräume für die Menschen zur Verfügung ständen. Bisher blieb dieser Aufruf jedoch ohne Ergebnis, genau wie die Onlinekampagne der Organisation Survival International, die die Zwangsvertreibungen in Ruanda im Internet anklagt.

Die Anti-Strohdach-Kampagne in Ruanda ist ein trauriges Beispiel dafür, wenn das Streben nach Fortschritt mehr Schein als Sein ist. Häuser mit Strohdächern sind ein Schandfleck für das Image eines wirtschaftlich aufstrebenden Landes wie Ruanda. Tausende Obdachlose einer ethnischen Minderheit werden dagegen ganz offensichtlich als kleineres Übel angesehen.

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