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Erste freie Wahlen in Tunesien

Geschrieben von Lukas Niemeyer   
Sonntag, 23. Oktober 2011

Neun Monate sind seit dem Sturz des ehemaligen Machthabers Zine al-Abidine Ben Ali vergangen und heute spürt man die Aufbruchstimmung in Tunesien ganz besonders. In dem nordafrikanischen Land, in dem der Arabische Frühling seinen Anfang genommen hat, finden heute die ersten freien Wahlen statt. Landesweit haben sich vor den Wahllokalen hunderte Meter lange Schlangen gebildet und die Menschen warten geduldig darauf ihre Stimme abgeben zu dürfen.

Mehr als sieben Millionen wahlberechtigte Bürger sind dazu aufgerufen eine verfassungsgebende Versammlung zu wählen. Die 217 Sitze umfassende Versammlung soll eine offizielle Übergangsregierung ernennen und innerhalb eines Jahres eine neue Verfassung ausarbeiten. Die Wahllokale sind bis 19 Uhr geöffnet, mit ersten Ergebnissen wird am Montag gerechnet.

Den moderaten Islamisten der Ennahda Partei werden die besten Chancen ausgerechnet, als Wahlsieger aus der Abstimmung hervorzugehen. Deren Führer, Rachid Ghannouchi, hat seine Partei im Vorfeld mit der des türkischen Premierministers Tayyip Erdogan verglichen. Säkulare Strömungen fürchten jedoch, dass radikalere islamistische Strömungen größeren Einfluss auf die Partei nehmen könnten.

Gegen diese Vorwürfe hat Ghannouchi sich während des Wahlkampfes immer wieder verteidigt. Er versicherte, dass die Ennahda Partei voll hinter den demokratischen Werten stehe und auch die Rechte der Frauen voll unterstütze. In den eigenen Reihen kandidieren zahlreiche Frauen, eine davon, Suad Abdel-Rahim, verzichtet auch bei ihren öffentlichen Auftritten auf einen Schleier.

Bedeutendster Kontrahent der gemäßigten Islamisten ist die Progressive Demokratische Partei (PDP), die die säkularen Strömungen in Tunesien vertritt. Insgesamt haben sich zu der historischen Wahl mehr als 100 Parteien registrieren lassen. Darüber hinaus wird die Wahl von unzähligen nationalen und internationalen Wahlbeobachtern kontrolliert. Die EU-Beobachtungsmission bestätigte einen transparenten Ablauf des Wahlkampfes.

Das große Interesse an der Abstimmung rührt unter anderem daher, dass Tunesien eine Vorreiterrolle innerhalb des Arabischen Frühlings innehat. Vor zehn Monaten hatte sich dort der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi aus Verzweiflung und Perspektivlosigkeit selbst angezündet und damit den Aufstand der zum Sturz des Präsidenten Ben Alis geführt hat, ausgelöst. Von Tunesien aus hat sich die Demokratiebewegung dann rasant nach Ägypten, Libyen, Syrien und Jemen ausgebreitet; auch in Algerien und Marokko kam es zeitweise zu Protesten.

 




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