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Äthiopien: Land Grabbing vertreibt Zehntausende

Geschrieben von Lukas Niemeyer   
Dienstag, 17. Januar 2012

Die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wirft der äthiopischen Regierung vor, zehntausende Menschen von ihrem Land vertrieben zu haben, um dieses im Anschluss langfristig an ausländische Investoren verpachten zu können. Das ostafrikanische Land hat Schätzungen der Organisation zufolge bereits etwa 3,6 Millionen Hektar Fläche verpachtet – das entspricht grob der Staatsfläche Belgiens.

HRW hat im Mai und Juni des vergangenen Jahres für den jetzt veröffentlichten Bericht mehr als 100 betroffene Personen interviewt. Aus den Gesprächen und weiteren Untersuchungen geht hervor, dass etwa 70.000 Indigene aus der im Westen Äthiopiens gelegenen Gambella-Provinz gegen ihren Willen umgesiedelt worden sind. Wie die Menschenrechtsorganisation berichtet, fehlt es in den neuen Dörfern an Nahrung, Farmland und notwendiger Infrastruktur, wie zum Beispiel Schulen, Krankenhäusern oder Regierungseinrichtungen.

Die erste Runde der Zwangsumsiedlungen fand zudem zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt statt, nämlich gerade zum Erntebeginn. Das habe laut HRW dazu geführt, dass es bei den betroffenen Personen zu einer akuten Lebensmittelknappheit gekommen ist, die vereinzelt auch Todesopfer gefordert habe.

Die äthiopische Regierung in Addis Abeba hat die Vorwürfe umgehend als haltlos zurückgewiesen. Informationsminister Bereket Simon beteuerte, dass niemand dazu gezwungen werde umzuziehen. Wahr sei jedoch, dass Äthiopien Land mit einer Laufzeit von 25 Jahren an nationale und internationale Interessenten verpachte. Dafür stehen laut Simon ca. drei Millionen Hektar Fläche zur Verfügung, die nicht bewohnt seien.

Fast niemand in der Gambella-Provinz ansässigen Bewohner verfügt über einen offiziellen Landtitel, obwohl das Land seit Generationen von den Menschen dort bewirtschaftet wird. Laut Human Rights Watch bezeichnet die äthiopische Regierung eben solche Flächen daher häufig als „unbewohnt“ oder „ungenutzt“. Das hat zur Folge, dass die indigene Bevölkerung ihren gesetzlichen Schutz verliert, der eine Vertreibung verhindern würde.

Das Phänomen des „Land Grabbing“ ist nicht nur in Äthiopien ein zunehmendes Problem. Insbesondere chinesische, indische und saudi-arabische Investoren kaufen seit einigen Jahren in Afrika riesige Anbauflächen auf. Die dort angebauten Lebensmittel oder Agrarprodukte verbleiben jedoch nicht in der Region, sondern werden weltweit vermarktet. Sowohl die Vereinten Nationen als auch zahlreiche Entwicklungsorganisationen warnen davor, dass das Land Grabbing Hunger und Armut der lokalen Bevölkerung in den betroffenen Gebieten weiter verstärkt.

 




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